Enteignet Barlach!

O tempora o mores!…O di inmortales! ubinam gentium sumus? in qua urbe vivimus? quam rem publicam habemus? M.T Cicero, In Catilinam I

„Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“ Marx-Engels-Gesamtausgabe Abteilung I. Band 11, S. 96

Nicht nur die großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen ereignen sich auf diese Weise mindestens zweimal, auch die kleinen.

Enteignet Springer! war eine der zentralen und im Linken Lager sehr populären Forderungen der Studentenbewegung in den sechziger Jahren nicht nur in Berlin, aber hauptsächlich dort, weil die antikapitalistisch orientierten Studenten – damals zu Recht – in der einseitigen und verleumderischen Berichterstattung des Springerkonzerns eine der wesentlichen Ursachen für die Polarisierung in der Stadt sahen.

Im Juli 1967 erklärte Rudi Dutschke im SPIEGEL: “Wir fordern – auf der Grundlage der in der Berliner Verfassung gegebenen Enteignungsmöglichkeit – die Enteignung des Springer-Konzerns.”

Diese Forderung konkretisierte sich wenig später in der Springer Kampagne, die zu den bekannten heftigen Demonstrationen und Strassenkämfen führte und mit ihren Folgen die Bundesrepublik erschütterte.

Im April 1968 forderten vierzehn prominente Schriftsteller und Philosophen, darunter Theodor W. Adorno, Heinrich Böll, Walter Jens, Eugen Kogon, Golo Mann, Alexander Mitscherlich, “endlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten”. Die Unterzeichner des Aufrufs “erklären sich mit den Studenten solidarisch, rufen aber gleichzeitig dazu auf, sich bei allen Aktionen der Gewalt zu enthalten und der Angemessenheit der Mittel bewusst zu bleiben”.

Was für ein besonnener und durchdachter Aufruf! Aufklärung und Diskussion wird gefordert, die Solidarität mit den Studenten wird erklärt, aber auch die Angemessenheit der Mittel angemahnt, nachdem sogar selbst Rudi Dutschke schon ausdrücklich die Berliner Verfassung als Grundlage der studentischen Forderungen herangezogen hatte.

Nun, 45 Jahre später, in einer sehr viel kleineren Sache, aber dafür mit umso mehr Unterzeichnern, haben nicht weniger als 184 Autoren des Suhrkamp Verlages, darunter viele Verfasser unverzichtbarer und geliebter Bücher, einen Aufruf unterzeichnet, der darauf hinausläuft, den Minderheitsgesellschafter des Suhrkamp Verlages, die Medienholding des Herrn Hans Barlach, zu enteignen.

Vom Grundgesetz und dessen Eigentumsgarantie oder auch nur der Angemessenheit der Mittel ist darin nicht die Rede. Von Aufklärung und Diskussion erst Recht nicht. Stattdessen unterstützen die Unterzeichner vorbehaltslos ”die Absicht der Geschäftsführung, die Gesellschaft durch die Schaffung einer Aktiengesellschaft zu befrieden und begrüßen die Idee, durch private Investoren die Unabhängigkeit und verlegerische Kultur der Verlagsgruppe dauerhaft zu sichern.”

Das klingt ganz danach, als seien Aktiengesellschaften so etwas wie die Friedensbewegung und private Investoren dauerhafte Garanten der Unabhängigkeit – wessen Unabhängigkeit? – und von wem unabhängig? Und ist nicht auch Herr Barlach ein privater Investor?

In Wirklichkeit geht es darum, durch die Umwandlung der jetzigen Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft die gesetzlichen und vertraglich gesicherten Gesellschafterrechte des Herrn Barlach dramatisch zu beschneiden und ihn auf kaltem Wege zum größten Teil zu enteignen. Kein Wort davon in dem Aufruf.

Dieser Aufruf ist nicht ehrlich, liebe Autoren. Er ist von ausgebufften Anwälten verfasst und bewusst nebulös gehalten, um Frau Berkéwicz, die jedenfalls anscheinend keine ganz reine Weste hat, im öffentlichen Meinungskampf zu unterstützen – und vielleicht auch, um die Gerichte zu beeinflussen.

Die Koordination, Unterstützung und Verbreitung dieses Aufrufs durch die Verlagsleitung ist aber auch ein beispielloser und infamer Vorgang, mit dem die Autoren des Verlages von dessen Mehrheitsgesellschafterin gegen den Minderheitsgesellschafter instrumentalisiert werden und sich bedauerlicherweise instrumentalisieren lassen.

Wenn Frau Berkéwicz bisher nicht schwerwiegend treuwidrig gegen ihre gesellschaftsrechtlichen Treuepflichten gegenüber dem Mitgesellschafter und gegenüber der Gesellschaft selbst gehandelt hat – oder ihre Anwälte dazu ermächtigt hätte – spätestens jetzt ist das Maß des noch Erträglichen überschritten. Welcher Verleger oder Gesellschafter eines Verlages – oder sonst eines Unternehmens – möchte so etwas mit sich machen lassen?

Diese Aktion ist nicht nur unangemessen, sondern zutiefst unanständig und ehrverletzend. Darüber hinaus spricht aus ihr eine arrogante Verachtung der Rechtsprechung, wie sie nur von gewissen Anwälten gezeigt wird, denn Herrn Barlach wird in dem Aufruf ja auch noch angedroht, selbst dann sein Vermögen zu verlieren, wenn er vor den Gerichten tatsächlich Recht bekommen sollte, weil diese Autoren dann den Suhrkamp Verlag verlassen wollen.

Abgesehen davon, dass diese Drohung hinsichtlich der bestehenden Verwertungsverträge Unfug ist und die meisten Autoren bei neuen Büchern sich damit nur selbst schädigten, würden die zukünftigen Programme des Verlages natürlich erheblich beeinträchtigt, was schließlich auch auf den Verkauf der Bestände und den Vertrieb der Backlist durchschlagen würde, was am Ende zum Ruin des Verlages führen könnte.

Die Gesellschaft Suhrkamp KG – das ist nicht Frau Berkéwicz –  sieht sich also damit konfrontiert, dass ihre Mehrheitsgesellschafterin für den Fall ihres Ausscheidens die Autoren des Verlages in einer Art “Nerobefehl” dazu aufruft, den Verlag zu verlassen und damit die Gesellschaft zu ruinieren. Dreißigtausend Autorenverträge wären gegenstandslos, über hundert Arbeitsplätze wären vernichtet, der Schaden für die deutsche Literatur unübersehbar.

Es mag ja im Interesse der Unterzeichner sein, Herrn Barlach, der frech auf der Gewinnerzielungsabsicht des Unternehmens besteht, loszuwerden und stattdessen einen ungleich reicheren – vielleicht sogar mäzenatischen – Verleger zu gewinnen. Aber wie haltet ihr es mit der Angemessenheit der Mittel? Sind die winkeladvokatischen Tricks der selbst herbeigeführten Insolvenz wirklich angemessen? Gehört der vorsätzliche Rufmord zu den Mitteln, die vom Zweck geheilt werden?

Ist es in Ordnung, einen privaten Investor, der seine Rechte einvernehmlich erworben hat – so wie die Autoren selbst ihre eigenen Rechte mit den Verlagsverträgen auch – auf diese Weise zu entrechten, teilweise zu enteignen und durch einen – genehmen – privaten Investor zu ersetzen?

Selbst wenn diese Operation gelingt, hätte sich die Verlagsleitung in den Niederungen des juristischen Kampfes und des verbissenen Geschachers über den Preis der Anteile die Hände schmutzig gemacht.  Kann der Verlag sich danach wieder fröhlich und aus der “Drangsal befreit” auf den Höhen der allerhöchsten Literatur “ganz der eigentlichen Arbeit zuwenden”?

Er kann wohl. Dieser Aufruf der Autoren deutet auf Unempfindlichkeit hin.

Hier zum Text: Suhrkamp_Aufruf