Archiv für den Monat: Dezember 2023

Rezension des Buches: Der Aufbau Verlag : und die kriminelle Vereinigung in der SED und der Treuhandanstalt / Bernd F. Lunkewitz. – München : Europa Verlage, 2021. – 383 S. ISBN 978-3-95890-432- 3

https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/99658/file/Rezension+Lunkewitz+Der+Aufbau-Verlag+(2021)+-11441.pdf

Rezension von Ulrich Hohoff, Direktor der Universitätsbibliothek Augsburg, 2022:

Im Frühjahr 1991 suchte die Treuhandanstalt einen Käufer für den „Volkseigenen Betrieb“ (VEB) Aufbau-Verlag, einen renommierten Literaturverlag der DDR. Der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann regte den Frankfurter Immobilienmakler Bernd F. Lunkewitz, der als Mäzen bekannt war, an, sich hier als Investor zu betätigen. Im Herbst 1991 wurde die „Aufbau-Verlag GmbH i.A.“ (d.h. im Aufbau) an eine Beteiligungsgesellschaft von Lunkewitz verkauft. Diese bezahlte vier Millionen DM für einen Verlag, der stark verschuldet war; jeden Monat liefen neue Schulden von ca. 500.000 DM auf. Lunkewitz leitete den Aufbau-Verlag erfolgreich bis zu dessen Insolvenz wegen Vermögenslosigkeit im Jahr 2008. Nach einem Verlegerwechsel setzte Aufbau dann die Arbeit bis heute fort.

Den Erwerb von 1991 feierten die Feuilletons der führenden Zeitungen als großen Erfolg für die Kultur und das Verlagswesen der früheren DDR. Auch das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel lobte Bernd Lunkewitz, der den größten Anteil an der Beteiligungsgesellschaft hielt, mehrmals als Retter des größten belletristischen Verlags der DDR, der sozusagen zu ihrem Tafelsilber gehörte. Denn seit Jahrzehnten wurden hier bedeutende Autorinnen und Autoren der DDR verlegt, darunter z.B. Volker Braun, Christoph Hein, Günter Kunert, Helga Königsdorf, Irmtraut Morgner, Anna Seghers, Erwin Strittmatter, Ehm Welk und Christa Wolf. Daneben erschien dort die legendäre Literaturzeitschrift Sinn und Form, die Peter Huchel lange geleitet hatte. Des weiteren kamen bei Aufbau sozialistische Klassiker, internationale Klassiker der Moderne (oft als Erstausgabe in der DDR), Werkausgaben deutscher Klassiker und natürlich auch Sachbücher heraus. Ferner verlegte man Werkausgaben jüdischer Autoren wie Egon Erwin Kisch und Lion Feuchtwanger. Der Verlag, in dem am Ende der DDR Elmar Faber als Verlagsdirektor wirkte, brachte von 1945 bis heute mehr als 15.000 Bücher heraus. Daher galt sein Verkauf durch die Treuhandanstalt 1991 als ein bedeutsamer kulturhistorischer Schritt und gleichzeitig als Beleg für den achtsamen Umgang der Bundesrepublik mit dem Erbe der Kultur der DDR.

Bernd Lunkewitz als damaliger Verlagsinvestor zeigt im vorliegenden Buch, daß das schöne Narrativ des Verlages und der Medien zumindest in rechtlicher und finanzieller Hinsicht nicht den Fakten entspricht. Wie der Titel ankündigt, sieht er sich in der Rolle des Betrogenen, der zum Opfer krimineller Taten sowohl der Sozialistischen Einheitspartei der DDR (SED) als auch der bundesdeutschen Treuhandanstalt wurde. Das Buch mit seinen 17 Kapiteln setzt mit der Verlagsgründung 1945 – 1949 ein, behandelt dann aber vornehmlich die Jahre 1989 – 2021.1

Es ergänzt die bereits vorliegenden verlags- und kulturgeschichtlichen Darstellungen über den Aufbau-Verlag von Konstantin Ulmer (2) und dem ehemaligen Archivar des Verlags Carsten Wurm. (3) Das Vorwort steuerte der frühere Spiegel-Journalist Nobert F. Pötzl (S. 9 – 17), Autor eines wichtigen Buches über die Tätigkeit der Treuhandanstalt (4), Pötzl bekennt darin, er habe „bei der Überprüfung der Dokumente keinen Fehler gefunden“. (S. 17).

Das 1990 von der Volkskammer der DDR beschlossene Treuhandgesetz hatte die neu errichtete Treuhandanstalt zur Eigentümerin aller rund 8.500 „Volkseigenen Betriebe“ der DDR gemacht mit dem Ziel, diese an private Investoren zu verkaufen. Die Betriebe sollten weitergeführt werden und viele Arbeitsplätze der früheren DDR sollten erhalten bleiben. „Volkseigener
Betrieb“ hieß die Rechtsform von Industriebetrieben und Dienstleistungsunternehmen. Aufgrund einer Intervention des Aufbau-Verlagsleiters Elmar Faber bei dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke behauptete letzterer im Dezember 1989 im neugewählten SED-/PDS-Parteivorstand, der Aufbau-Verlag sei Eigentum der SED und schlug dessen Überführung in „staatliches Eigentum“ vor; dasselbe galt für 9 weitere Verlage (S. 113-114). Auf der Grundlage dieser Aussage argumentierten die Treuhandmitarbeiter 1991 beim Verlauf des Aufbau-Verlags, obwohl Recherchen der Behörden auf das Eigentum des Kulturbunds hinwiesen. Der gutwillige Käufer Lunkewitz fand dann aber Zug um Zug heraus, daß sein Kaufvertrag auf falschen Voraussetzungen beruhte. Die Treuhandanstalt hatte ihm als angeblichen Verlag nur eine leere Hülle verkauft, zu der gar kein Vermögenswert gehörte. Denn in Wirklichkeit war der Aufbau-Verlag seit der Gründung 19455 – und unverändert bis 1991 – immer Eigentum des Kulturbunds der DDR. Damit war er laut DDR-Terminologie aber kein VEB, sondern ein Organisationseigener Betrieb (OEB), ebenso wie die Parteien und die weiteren „Massenorganisationen“ der DDR. Konnte ein OEB belegen, daß er sein Vermögen
rechtmäßig besaß, so durfte er es behalten. Die Treuhand durfte es dann nicht antasten. Um den Aufbau-Verlag wirklich zu retten, blieb Lunkewitz also nichts anderes übrig, als ihn vom tatsächlichen Eigentümer noch einmal zu erwerben. Das geschah 1995 per Kaufvertrag mit dem Kulturbund.

Die Tatsache, daß man Lunkewitz bei den Verkaufsverhandlungen die sogenannten „Plusauflagen“ verschwiegen hatte, stellte einen weiteren Anlaß dar, um den Kaufvertrag von 1991 anzufechten. Er wunderte sich darüber, daß sofort bei Unterzeichnung des Kaufvertrags die Kriminalpolizei die Aufbau-Verlagsräume – und gleichzeitig, wie er später herausfand, auch die Parteizentrale der PDS – wegen Betrugsverdachts durchsuchte. Der Hintergrund: Bereits Mitte der 1960er Jahre hatten das Zentralkomitee (ZK) der SED, die Kulturabteilung des ZK und die Leitung der Hauptverwaltung Verlage vereinbart, daß die Verlage Aufbau und Volk & Welt zusätzliche, in den Lizenzverträgen nicht vereinbarte Auflagen drucken lassen und verkaufen sollten. Die Gewinne aus diesen Raubdrucken wurden als Sonderabführungen an die SED gegeben; von 1986 – 1989 waren es ca. 1.000.000 DDR-Mark pro Jahr. In den Verlagen war diese Praxis bekannt.

Ende 1989 stellten westdeutsche Verlage deshalb aber Regreßansprüche. Für Aufbau kamen dabei über 6.000.000 DM nicht bezahlte Lizenzgebühren plus nahezu 2.000.000 DM unterschlagene Honorare zusammen, die den Verlagsautoren aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ zustanden (S. 223). Für den Aufbau-Verlag war die Höhe der Ansprüche existenzbedrohend. Verleger Lunkewitz konnte nachweisen, daß die Treuhand davon wußte, und erreichte nach einem Jahr eine Freistellungserklärung der Treuhand. Die hatte allerdings einen Haken: Sie war auf rechtskräftig erstrittene Schadensersatzsummen beschränkt. Das bedeutete für Aufbau, daß der Verlag Regreßforderungen westdeutscher Verlage ablehnen und die Verlage auf denRechtsweg verweisen mußte. Diese Vorgänge beschädigten das Vertrauen in den Aufbau-Verlag schwer. In der Folge ließen sich viele Geschäfte, mit denen das Programm fortgesetzt werden sollte, nicht mehr realisieren.

Länger als ein Jahrzehnt dauerte schließlich der Rechtsstreit mit der Treuhand wegen des Verkaufs der leeren Verlagshülle an die Investoren. Das Buch von Lunkewitz ist insofern auch eine Chronik von falschen Behauptungen, Vertuschungen und Verfahrensverzögerungen durch die Treuhandanstalt. Denn sie weigerte sich wider besseres Wissen, den Fehler einzugestehen, und klagte sich durch die Instanzen.

Erst 2008 stellte der Bundesgerichtshof in letzter Instanz endlich fest, daß die Treuhand Lunkewitz eine leere Verlagshülle verkauft hatte und der Kulturbund der DDR Eigentümer des Aufbau-Verlags gewesen sei (S. 289 – 290). Anschließend klagten die Käufergemeinschaft und der Verlagseigentümer Lunkewitz für die Jahre ab 19 91 Schadensersatz in zweistelliger Millionenhöhe ein. Auch dieser Prozeß zog sich durch die Instanzen; bis 2021 war noch kein rechtskräftiges Urteil ergangen.

Weshalb der Aufbau-Verlag beim Verkauf 1991 überhaupt als Volkseigentum der DDR ausgegeben worden war, das erklärte Klaus Höpcke als Beteiligter erst 2018 in einer eidesstattlichen Erklärung auch für die Öffentlichkeit: Nur als VEB konnte der Aufbau-Verlag Mittel aus dem Parteivermögen der SED/PDS erhalten. Diese hatte 1990 immerhin 3 Milliarden DDR-Mark für soziale und kulturelle Zwecke bereitgestellt. Die Falschinformation vor dem SED-/PDS-Vorstand sicherte dem Aufbau Verlag davon 9.600.000 DDR-Mark, die ihm seinerzeit, noch vor der Gründung der Treuhand, erst einmal das Überleben garantierten (S. 161 – 167).

Im Ganzen läßt sich dieses Buch als ein Lehrstück darüber lesen, wie ein idealistisch gesinnter Mäzen immer tiefer in lange juristische Auseinandersetzungen mit einer großen Staatsbehörde verstrickt wird, aber nicht aufgibt, sondern die Behördenfehler Zug um Zug aufdeckt, belegt und öffentlich macht. Der Autor ist, obwohl persönlich betroffen, durchgehend um einen sachlichen Ton bemüht. Er hat die Aktenauszüge, Gesprächsnotizen, Urteile und persönlichen Erinnerungen an die Abläufe so arrangiert, daß sie weitgehend für sich sprechen. Naturgemäß ist die Lektüre der unendlichen Auseinandersetzungen in seiner Sache aber nicht gerade unterhaltsam.

Lunkewitz‘ Darstellung beruht weitgehend auf der Auswertung von Akten, die hier in vielen Fällen erstmals publiziert sind. Zitiert werden vor allem Akten der Treuhandanstalt bzw. ihrer Rechtsnachfolgerin, der Bundesanstalt für Vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS). Der Autor weist darauf hin, daß bei beiden Behörden viele Akten zu seinem Thema noch unter Verschluß stehen. Die zweite wichtige Quelle waren Dokumente aus dem Verlagsarchiv des Aufbau-Verlags. Dieses sehr umfangreiche Archiv hat der Autor 2018 als Geschenk an die Staatsbibliothek zu Berlin abgegeben. Daneben wurden weitere Akten herangezogen, vor allem vom Kulturbund der DDR, von der SED/PDS, aus dem Landesarchiv Berlin und von Gerichten, die mit der causa Aufbau befaßt waren. Wichtige Dokumente werden im Anhang abgebildet (S. 324 – 349). Eine längere und sehr hilfreiche Zeittafel (S. 350 – 375), ein Personenverzeichnis (S. 376 – 380) und ein Abkürzungsverzeichnis (S. 381-383) schließen den Band ab.
Ulrich Hohoff

QUELLE
Informationsmittel (IFB) : digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft
http://www.informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/
http://informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=11441
http://www.informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=11441

(1 Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/123138025x/04
2) Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt : die Geschichte des Aufbau Verlages 1945-2020 / Konstantin Ulmer. – Berlin : Aufbau, 2020. – 384 S., Ill. ; 23 cm. – ISBN 978-3-351-03747-5 : EUR 28.00. – Inhaltsverzeeichnis: https://d-nb.info/1208428527/04 – Zuvor hatte er bereist Publiziert: VEB Luchterhand? : ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben / Konstantin Ulmer. -1. Aufl. – Berlin : Ch. Links Verlag, August 2016. – 488 S.: 1 Ill. ; 21 cm. – (Forschungen zur DDR-Gesellschaft). – Zugl.: Leipzig, Univ., Diss., 2014. – ISBN 978-3-86153-930-8 : EUR 50.00. – Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/1100890173/04
3) Der frühe Aufbau-Verlag : 1945 – 1961 ; Konzepte und Kontroversen / Carsten Wurm. – Wiesbaden : Harrassowitz, 1996. – 271 S : Ill., graph. Darst. – (Veröffentlichungen des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens ; 8). -Zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 1995. – ISBN 3-447-03826-8. – Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/948119853/04 – Gestern, heute, Aufbau : 70 Jahre Aufbau Verlag 1945 – 2015 / Carsten Wurm. – Berlin : Aufbau, 2015. – 255 S. : Ill. ; 22 cm. – ISBN 978-3-351-03608-9 : EUR 12.00. – Inhaltsverzeichnis: https://dnb.info/1062988191/04
4) Der Treuhand-Komplex : Legenden, Fakten, Emotionen / Norbert F. Pötzl. – 2. Aufl. – Hamburg : kursbuch.edition, 2019. – 254 S. ; 20 cm. – ISBN 978-3-96196065-1. – Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/1186401931/04 – Von diesem Buch erschien 2021 eine Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung.

5) Zu seiner Geschichte bis 2010 vgl.: Das Schicksal der DDR-Verlage : die Privatisierung und ihre Konsequenzen / Christoph Links. – 2., aktualisierte Aufl. – Berlin: Links, 2010. – 352 S. : Ill. ; 22 cm. – Zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 2008. – ISBN 978-3-86153-595-9 : EUR 24.90 [#1523]. – Hier: S. 251 – 258. – Rez.: IFB 10-4 https://ifb.bsz-bw.de/cgi-bin/result_ifb.pl?item=bsz32484669Xrez-1.pdf – Ferner für die gesamte Zeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufbau_Verlag [2022-04-23].

 

Rezension von Günther Fetzer bei literaturkritik.de: https://literaturkritik.de/fetzer-lunkewitz-der-aufbau-verlag,29853.html

Immobilieninvestor kauft literarisches Flaggschiff

Bernd F. Lunkewitz beschreibt den Erwerb des Aufbau Verlags in zwei Büchern
Von Günther Fetzer RSS-Newsfeed neuer Artikel von Günther Fetzer
Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nicht weniger als drei Verträge musste der Frankfurter Immobilieninvestor Bernd F. Lunkewitz nach dem Beitritt der DDR zur BRD mit der Treuhand, der für die Privatisierung der Volkseigenen Betriebe zuständigen Behörde, schließen, um in den Besitz des literarischen Flaggschiffs der DDR-Verlagswelt, des Aufbau Verlags in Berlin und Weimar, zu gelangen: den ersten am 18. September 1991 mit seiner BFL-Beteiligungsgesellschaft, den zweiten wenige Tage danach mit drei weiteren Investoren am 27. September 1991 und den dritten schließlich am 24. November 1992. Die Posse, dass die Treuhand das Grundstück des Verlags in Berlin-Mitte durch einen Formfehler dabei ebenfalls an Lunkewitz verkaufte und dann zurückkaufen musste, was diesem einen Millionenbetrag einbrachte, muss hier unerzählt bleiben, kann aber im Buch ausführlich nachgelesen werden.

Damit war die Privatisierung des Vorzeigeverlags der DDR noch nicht abgeschlossen. Lunkewitz erfuhr 1994, dass die Treuhand den Verlag gar nicht hätte verkaufen dürfen, da er nicht als ehemaliger Volkseigener Betrieb (VEB) ihr Eigentum war, sondern der Verlag weiterhin dem im August 1945 gegründeten Kulturbund gehörte. Daraufhin kaufte er persönlich vom Kulturbund am 28. Februar 1995 die möglicherweise noch existente Aufbau-Verlag GmbH (alt) und am 21. Dezember 1995 den Geschäftsbetrieb mit dem gesamten Vermögen des Aufbau Verlags. Er verklagte im selben Jahr die Treuhandanstalt beziehungsweise deren Nachfolgeorganisation BvS (Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben). Die Verfahren zogen sich hin. Einer der befassten Richter sagte im Jahr 2000 zum Kläger: „Wir wissen, dass Sie Recht haben, das kriegen Sie hier aber nicht.“ Erst am 3. März 2008 erging ein letztinstanzliches Urteil durch den Bundesgerichtshof – bestätigt durch entsprechende Urteile vom 27. September 2010 und vom 12. Juli 2011 –, wonach die Treuhand 1991 einen Verlag verkauft hat, der ihr gar nicht gehörte, da er sich im Eigentum des weiterhin bestehenden Kulturbunds befand. Der Nachfolgeprozess wegen Schadensersatzforderungen von Lunkewitz zieht sich bis heute hin; eine Mediation scheiterte.

Der Immobilieninvestor und Verleger Lunkewitz hat diese windungsreiche Geschichte in den beiden hier besprochenen Büchern Der Aufbau-Verlag und die kriminelle Vereinigung in der SED und der Treuhandanstalt und Die Beschreibung eines Kampfes dargestellt. Beide sind im Europa Verlag 2021 beziehungsweise 2023 erschienen.

Im ersten Buch beschreibt Lunkewitz auf fast 400 Seiten in 17 Kapiteln zunächst kurz die Gründungsgeschichte des Verlags, seine Neupositionierung bei der „Profilierung des Verlagswesens“ in den Jahren 1962 bis 1965 sowie die Entwicklung bis zur Wiedervereinigung. Der Autor konzentriert sich dabei auf den Verlagsstatus als „organisationseigenem Betrieb“ des Kulturbunds, der einem Volkseigenen Betrieb (VEB) gleichgestellt, aber nie Eigentum der SED war – obwohl es nach der Wende Versuche der SED/PDS gab, den Verlag zu vereinnahmen. Bei der Darstellung zitiert Lunkewitz wie auch im Folgenden ausführlich aus den inzwischen zugänglichen Akten – so zum Beispiel die eidesstattliche Erklärung Klaus Höpckes, des stellvertretenden Ministers für Kultur der DDR und in Personalunion Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, vom 15. Oktober 2018 [!], in der dieser den geschilderten Sachverhalt bestätigte.

Sehr detailliert und ebenso ausführlich dokumentiert er, dass die Treuhand den Verlag nicht hätte verkaufen dürfen, da sie von mehreren Seiten auf die Eigentumsverhältnisse hingewiesen worden war – vom Kulturbund, vom Sekretariat der UKPV (Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR) und sogar vom hauseigenen Direktorat Sondervermögen. Lunkewitz fasst seine Vorwürfe pointiert zusammen:

Die Treuhandanstalt handelte bei dem nichtigen Verkauf der beiden vermeintlichen GmbHs i. A. [im Aufbau] hauptsächlich durch diese drei Vertreter: den Vorstand Dr. Wolf Klintz, den Direktor Dr. Eberhard Sinnecker und den Abteilungsleiter Klemens Molinari. Sie verheimlichten arglistig gegenüber den Käufern ihre Kenntnisse über wesentliche Mängel der Kaufsache, insbesondere die Plusauflagen und die Eigentumsverhältnisse an den beiden Verlagen [Aufbau und Rütten & Loening], um sich selber die Vorteile aus den (nichtigen) Verträgen dauerhaft zu verschaffen.

An dieser Stelle fügt der Autor eine Fußnote ein, in der er eine Definition des Bundesgerichtshofs einer kriminellen Vereinigung zitiert.

Als wesentlichen Mangel der Kaufsache hat Lunkewitz neben den Eigentumsverhältnissen die Plusauflagen genannt. Das hat folgenden Hintergrund: Aufgrund der prekären Devisensituation der DDR konnten die ostdeutschen Verlage die Lizenzen westdeutscher Verlage nur für eine Auflage mit fest vereinbarter Stückzahl erwerben. In Wirklichkeit wurden jedoch weit mehr Exemplare gedruckt und verkauft, aber nicht abgerechnet. So wurden zum Beispiel von John Dos Passos‘ Manhattan Transfer 30.000 Stück mit dem westdeutschen Verlag abgerechnet, aber 150.000 Exemplare verkauft. Insgesamt summierte sich die nicht gezahlte Lizenzsumme allein für den Aufbau Verlag auf mehr als sechs Millionen DM; 59 Verlage waren betrogen worden. Erst im Jahr 2019 wurde ein Aktenvermerk eines leitenden Treuhandmitarbeiters bekannt, in dem dieser durch Falschinformationen die Kenntnis der Treuhand von Plusauflagen vertuschte und damit nach Ansicht von Lunkewitz den Käufern die Tatsache der Plusauflagen arglistig verschwieg.

Dass Lunkewitz letztlich vor dem Bundesgerichtshof Recht bekam, war jedoch – so der Verleger – ein „Pyrrhussieg“. Er meldete 2008 Insolvenz an und verkaufte den Verlag an Matthias Koch – ebenfalls einen Immobilieninvestor. In den drei letzten Kapiteln des Buchs stellt er, der von sich selbst stets in der dritten Person spricht, die Prozesse in Berlin und Frankfurt dar. Das erste Buch endet mit der Information, dass das Kammergericht Berlin eine Entscheidung für den 15. Oktober 2021 angekündigt hatte. Im Anhang sind zahlreiche Dokumente, die im Text zitiert werden, abgebildet. Ferner informiert eine Zeittafel (im zweiten Band aktualisiert) über den Gang der (juristischen) Dinge zwischen 1945 und 2021.

Im zweiten, mit knapp 200 Seiten halb so umfangreichen Band rekapituliert Lunkewitz zunächst den im ersten Buch ausführlich dargelegten Verlauf und zitiert dann das nach einer Verschiebung am 29. Oktober 2021 verkündete Urteil des Berliner Gerichts und kommentiert: „Die wörtliche Mitschrift dieser Urteilsbegründung demonstriert nicht nur das Niveau der Berliner Justiz, sondern auch die Rechtsbeugung im fiskalischen Interesse der Bundesregierung.“ Und fährt später fort:

Trotz der rechtskräftigen Entscheidungen des BGH zum Eigentum des Kulturbunds am Aufbau-Verlag der DDR hat sich die von der Bundesregierung gesteuerte Justiz dazu entschlossen, mit diesen willkürlichen Urteilen den Fiskus vor der Inanspruchnahme durch die Opfer des staatlich organisierten Betruges zu schützen.

Danach zerpflückt er das recht kurze Urteil des Einzelrichters Dominik Reith und wiederholt überwiegend die Sachverhalte aus dem ersten Buch. Neu ist die Wiedergabe einer eidesstattlichen Erklärung vom 16. März 2023 von Dieter Lange, der von 1978 bis 1983 Direktor des Aufbau Verlags und danach in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel für den Verlag zuständig war. Lange bestätigt darin die oben erwähnte Darstellung seines ehemaligen Vorgesetzten Höpcke.

Dieser zweite Band ist vor allem auf den Vorwurf der Rechtsbeugung durch die Berliner Justiz zugunsten der Bundesrepublik Deutschland fokussiert. Es ist dem juristischen Laien, der der Rezensent ist, unmöglich, jede Windung der rund zwanzigjährigen prozessualen Auseinandersetzung, die ausführlich durch Archivrecherchen dokumentiert ist, zu verfolgen oder gar bewertend zu kommentieren. Wer jedoch die Prozessentwicklung mit all ihren zurückgehaltenen Informationen und arglistigen Täuschungen betrachtet, kann die heftige Wortwahl des Verlegers Lunkewitz nachvollziehen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass weder der angegriffene Richter noch die Treuhand noch ihre Rechtsnachfolgerin BvS noch das zuständige Ressort der Bundesregierung juristisch gegen Verbalinjurien und Unterstellungen wie die genannten („kriminelle Vereinigung“, „arglistige Täuschung“, „Rechtsbeugung“) oder die folgende vorgegangen ist:

In den Entscheidungsgründen belegen elementare Rechtsverstöße und die Willkür dieses Richters, dass er das Recht vorsätzlich falsch anwendet und damit die vom Bundesministerium für Finanzen gesteuerte BvS vor den berechtigten Ansprüchen der Geschädigten schützt.

Zwar hat der ehemalige Spiegel-Journalist Norbert F. Pötzl in seinem 2019 erschienen Buch Der Treuhand-Komplex an vielen Beispielen aufgezeigt, dass die oft wiederholte Behauptung, die Treuhand habe die DDR-Wirtschaft „plattgemacht“ so nicht stimmt und es gemessen an der Gesamtzahl der zu privatisierenden Volkseigenen Betriebe nur wenige Beispiele für offenkundiges Fehlverhalten der Treuhand gebe, doch liest man die beiden Bücher von Lunkewitz, so drängt sich unabweisbar der Eindruck auf, dass der Fall des Aufbau Verlags zu diesen Fehlleistungen gehört.