Rezension des Buches: Der Aufbau Verlag : und die kriminelle Vereinigung in der SED und der Treuhandanstalt / Bernd F. Lunkewitz. – München : Europa Verlage, 2021. – 383 S. ISBN 978-3-95890-432- 3

https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/99658/file/Rezension+Lunkewitz+Der+Aufbau-Verlag+(2021)+-11441.pdf

Rezension von Ulrich Hohoff, Direktor der Universitätsbibliothek Augsburg, 2022:

Im Frühjahr 1991 suchte die Treuhandanstalt einen Käufer für den „Volkseigenen Betrieb“ (VEB) Aufbau-Verlag, einen renommierten Literaturverlag der DDR. Der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann regte den Frankfurter Immobilienmakler Bernd F. Lunkewitz, der als Mäzen bekannt war, an, sich hier als Investor zu betätigen. Im Herbst 1991 wurde die „Aufbau-Verlag GmbH i.A.“ (d.h. im Aufbau) an eine Beteiligungsgesellschaft von Lunkewitz verkauft. Diese bezahlte vier Millionen DM für einen Verlag, der stark verschuldet war; jeden Monat liefen neue Schulden von ca. 500.000 DM auf. Lunkewitz leitete den Aufbau-Verlag erfolgreich bis zu dessen Insolvenz wegen Vermögenslosigkeit im Jahr 2008. Nach einem Verlegerwechsel setzte Aufbau dann die Arbeit bis heute fort.

Den Erwerb von 1991 feierten die Feuilletons der führenden Zeitungen als großen Erfolg für die Kultur und das Verlagswesen der früheren DDR. Auch das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel lobte Bernd Lunkewitz, der den größten Anteil an der Beteiligungsgesellschaft hielt, mehrmals als Retter des größten belletristischen Verlags der DDR, der sozusagen zu ihrem Tafelsilber gehörte. Denn seit Jahrzehnten wurden hier bedeutende Autorinnen und Autoren der DDR verlegt, darunter z.B. Volker Braun, Christoph Hein, Günter Kunert, Helga Königsdorf, Irmtraut Morgner, Anna Seghers, Erwin Strittmatter, Ehm Welk und Christa Wolf. Daneben erschien dort die legendäre Literaturzeitschrift Sinn und Form, die Peter Huchel lange geleitet hatte. Des weiteren kamen bei Aufbau sozialistische Klassiker, internationale Klassiker der Moderne (oft als Erstausgabe in der DDR), Werkausgaben deutscher Klassiker und natürlich auch Sachbücher heraus. Ferner verlegte man Werkausgaben jüdischer Autoren wie Egon Erwin Kisch und Lion Feuchtwanger. Der Verlag, in dem am Ende der DDR Elmar Faber als Verlagsdirektor wirkte, brachte von 1945 bis heute mehr als 15.000 Bücher heraus. Daher galt sein Verkauf durch die Treuhandanstalt 1991 als ein bedeutsamer kulturhistorischer Schritt und gleichzeitig als Beleg für den achtsamen Umgang der Bundesrepublik mit dem Erbe der Kultur der DDR.

Bernd Lunkewitz als damaliger Verlagsinvestor zeigt im vorliegenden Buch, daß das schöne Narrativ des Verlages und der Medien zumindest in rechtlicher und finanzieller Hinsicht nicht den Fakten entspricht. Wie der Titel ankündigt, sieht er sich in der Rolle des Betrogenen, der zum Opfer krimineller Taten sowohl der Sozialistischen Einheitspartei der DDR (SED) als auch der bundesdeutschen Treuhandanstalt wurde. Das Buch mit seinen 17 Kapiteln setzt mit der Verlagsgründung 1945 – 1949 ein, behandelt dann aber vornehmlich die Jahre 1989 – 2021.1

Es ergänzt die bereits vorliegenden verlags- und kulturgeschichtlichen Darstellungen über den Aufbau-Verlag von Konstantin Ulmer (2) und dem ehemaligen Archivar des Verlags Carsten Wurm. (3) Das Vorwort steuerte der frühere Spiegel-Journalist Nobert F. Pötzl (S. 9 – 17), Autor eines wichtigen Buches über die Tätigkeit der Treuhandanstalt (4), Pötzl bekennt darin, er habe „bei der Überprüfung der Dokumente keinen Fehler gefunden“. (S. 17).

Das 1990 von der Volkskammer der DDR beschlossene Treuhandgesetz hatte die neu errichtete Treuhandanstalt zur Eigentümerin aller rund 8.500 „Volkseigenen Betriebe“ der DDR gemacht mit dem Ziel, diese an private Investoren zu verkaufen. Die Betriebe sollten weitergeführt werden und viele Arbeitsplätze der früheren DDR sollten erhalten bleiben. „Volkseigener
Betrieb“ hieß die Rechtsform von Industriebetrieben und Dienstleistungsunternehmen. Aufgrund einer Intervention des Aufbau-Verlagsleiters Elmar Faber bei dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke behauptete letzterer im Dezember 1989 im neugewählten SED-/PDS-Parteivorstand, der Aufbau-Verlag sei Eigentum der SED und schlug dessen Überführung in „staatliches Eigentum“ vor; dasselbe galt für 9 weitere Verlage (S. 113-114). Auf der Grundlage dieser Aussage argumentierten die Treuhandmitarbeiter 1991 beim Verlauf des Aufbau-Verlags, obwohl Recherchen der Behörden auf das Eigentum des Kulturbunds hinwiesen. Der gutwillige Käufer Lunkewitz fand dann aber Zug um Zug heraus, daß sein Kaufvertrag auf falschen Voraussetzungen beruhte. Die Treuhandanstalt hatte ihm als angeblichen Verlag nur eine leere Hülle verkauft, zu der gar kein Vermögenswert gehörte. Denn in Wirklichkeit war der Aufbau-Verlag seit der Gründung 19455 – und unverändert bis 1991 – immer Eigentum des Kulturbunds der DDR. Damit war er laut DDR-Terminologie aber kein VEB, sondern ein Organisationseigener Betrieb (OEB), ebenso wie die Parteien und die weiteren „Massenorganisationen“ der DDR. Konnte ein OEB belegen, daß er sein Vermögen
rechtmäßig besaß, so durfte er es behalten. Die Treuhand durfte es dann nicht antasten. Um den Aufbau-Verlag wirklich zu retten, blieb Lunkewitz also nichts anderes übrig, als ihn vom tatsächlichen Eigentümer noch einmal zu erwerben. Das geschah 1995 per Kaufvertrag mit dem Kulturbund.

Die Tatsache, daß man Lunkewitz bei den Verkaufsverhandlungen die sogenannten „Plusauflagen“ verschwiegen hatte, stellte einen weiteren Anlaß dar, um den Kaufvertrag von 1991 anzufechten. Er wunderte sich darüber, daß sofort bei Unterzeichnung des Kaufvertrags die Kriminalpolizei die Aufbau-Verlagsräume – und gleichzeitig, wie er später herausfand, auch die Parteizentrale der PDS – wegen Betrugsverdachts durchsuchte. Der Hintergrund: Bereits Mitte der 1960er Jahre hatten das Zentralkomitee (ZK) der SED, die Kulturabteilung des ZK und die Leitung der Hauptverwaltung Verlage vereinbart, daß die Verlage Aufbau und Volk & Welt zusätzliche, in den Lizenzverträgen nicht vereinbarte Auflagen drucken lassen und verkaufen sollten. Die Gewinne aus diesen Raubdrucken wurden als Sonderabführungen an die SED gegeben; von 1986 – 1989 waren es ca. 1.000.000 DDR-Mark pro Jahr. In den Verlagen war diese Praxis bekannt.

Ende 1989 stellten westdeutsche Verlage deshalb aber Regreßansprüche. Für Aufbau kamen dabei über 6.000.000 DM nicht bezahlte Lizenzgebühren plus nahezu 2.000.000 DM unterschlagene Honorare zusammen, die den Verlagsautoren aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ zustanden (S. 223). Für den Aufbau-Verlag war die Höhe der Ansprüche existenzbedrohend. Verleger Lunkewitz konnte nachweisen, daß die Treuhand davon wußte, und erreichte nach einem Jahr eine Freistellungserklärung der Treuhand. Die hatte allerdings einen Haken: Sie war auf rechtskräftig erstrittene Schadensersatzsummen beschränkt. Das bedeutete für Aufbau, daß der Verlag Regreßforderungen westdeutscher Verlage ablehnen und die Verlage auf denRechtsweg verweisen mußte. Diese Vorgänge beschädigten das Vertrauen in den Aufbau-Verlag schwer. In der Folge ließen sich viele Geschäfte, mit denen das Programm fortgesetzt werden sollte, nicht mehr realisieren.

Länger als ein Jahrzehnt dauerte schließlich der Rechtsstreit mit der Treuhand wegen des Verkaufs der leeren Verlagshülle an die Investoren. Das Buch von Lunkewitz ist insofern auch eine Chronik von falschen Behauptungen, Vertuschungen und Verfahrensverzögerungen durch die Treuhandanstalt. Denn sie weigerte sich wider besseres Wissen, den Fehler einzugestehen, und klagte sich durch die Instanzen.

Erst 2008 stellte der Bundesgerichtshof in letzter Instanz endlich fest, daß die Treuhand Lunkewitz eine leere Verlagshülle verkauft hatte und der Kulturbund der DDR Eigentümer des Aufbau-Verlags gewesen sei (S. 289 – 290). Anschließend klagten die Käufergemeinschaft und der Verlagseigentümer Lunkewitz für die Jahre ab 19 91 Schadensersatz in zweistelliger Millionenhöhe ein. Auch dieser Prozeß zog sich durch die Instanzen; bis 2021 war noch kein rechtskräftiges Urteil ergangen.

Weshalb der Aufbau-Verlag beim Verkauf 1991 überhaupt als Volkseigentum der DDR ausgegeben worden war, das erklärte Klaus Höpcke als Beteiligter erst 2018 in einer eidesstattlichen Erklärung auch für die Öffentlichkeit: Nur als VEB konnte der Aufbau-Verlag Mittel aus dem Parteivermögen der SED/PDS erhalten. Diese hatte 1990 immerhin 3 Milliarden DDR-Mark für soziale und kulturelle Zwecke bereitgestellt. Die Falschinformation vor dem SED-/PDS-Vorstand sicherte dem Aufbau Verlag davon 9.600.000 DDR-Mark, die ihm seinerzeit, noch vor der Gründung der Treuhand, erst einmal das Überleben garantierten (S. 161 – 167).

Im Ganzen läßt sich dieses Buch als ein Lehrstück darüber lesen, wie ein idealistisch gesinnter Mäzen immer tiefer in lange juristische Auseinandersetzungen mit einer großen Staatsbehörde verstrickt wird, aber nicht aufgibt, sondern die Behördenfehler Zug um Zug aufdeckt, belegt und öffentlich macht. Der Autor ist, obwohl persönlich betroffen, durchgehend um einen sachlichen Ton bemüht. Er hat die Aktenauszüge, Gesprächsnotizen, Urteile und persönlichen Erinnerungen an die Abläufe so arrangiert, daß sie weitgehend für sich sprechen. Naturgemäß ist die Lektüre der unendlichen Auseinandersetzungen in seiner Sache aber nicht gerade unterhaltsam.

Lunkewitz‘ Darstellung beruht weitgehend auf der Auswertung von Akten, die hier in vielen Fällen erstmals publiziert sind. Zitiert werden vor allem Akten der Treuhandanstalt bzw. ihrer Rechtsnachfolgerin, der Bundesanstalt für Vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS). Der Autor weist darauf hin, daß bei beiden Behörden viele Akten zu seinem Thema noch unter Verschluß stehen. Die zweite wichtige Quelle waren Dokumente aus dem Verlagsarchiv des Aufbau-Verlags. Dieses sehr umfangreiche Archiv hat der Autor 2018 als Geschenk an die Staatsbibliothek zu Berlin abgegeben. Daneben wurden weitere Akten herangezogen, vor allem vom Kulturbund der DDR, von der SED/PDS, aus dem Landesarchiv Berlin und von Gerichten, die mit der causa Aufbau befaßt waren. Wichtige Dokumente werden im Anhang abgebildet (S. 324 – 349). Eine längere und sehr hilfreiche Zeittafel (S. 350 – 375), ein Personenverzeichnis (S. 376 – 380) und ein Abkürzungsverzeichnis (S. 381-383) schließen den Band ab.
Ulrich Hohoff

QUELLE
Informationsmittel (IFB) : digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft
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http://informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=11441
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(1 Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/123138025x/04
2) Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt : die Geschichte des Aufbau Verlages 1945-2020 / Konstantin Ulmer. – Berlin : Aufbau, 2020. – 384 S., Ill. ; 23 cm. – ISBN 978-3-351-03747-5 : EUR 28.00. – Inhaltsverzeeichnis: https://d-nb.info/1208428527/04 – Zuvor hatte er bereist Publiziert: VEB Luchterhand? : ein Verlag im deutsch-deutschen literarischen Leben / Konstantin Ulmer. -1. Aufl. – Berlin : Ch. Links Verlag, August 2016. – 488 S.: 1 Ill. ; 21 cm. – (Forschungen zur DDR-Gesellschaft). – Zugl.: Leipzig, Univ., Diss., 2014. – ISBN 978-3-86153-930-8 : EUR 50.00. – Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/1100890173/04
3) Der frühe Aufbau-Verlag : 1945 – 1961 ; Konzepte und Kontroversen / Carsten Wurm. – Wiesbaden : Harrassowitz, 1996. – 271 S : Ill., graph. Darst. – (Veröffentlichungen des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens ; 8). -Zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 1995. – ISBN 3-447-03826-8. – Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/948119853/04 – Gestern, heute, Aufbau : 70 Jahre Aufbau Verlag 1945 – 2015 / Carsten Wurm. – Berlin : Aufbau, 2015. – 255 S. : Ill. ; 22 cm. – ISBN 978-3-351-03608-9 : EUR 12.00. – Inhaltsverzeichnis: https://dnb.info/1062988191/04
4) Der Treuhand-Komplex : Legenden, Fakten, Emotionen / Norbert F. Pötzl. – 2. Aufl. – Hamburg : kursbuch.edition, 2019. – 254 S. ; 20 cm. – ISBN 978-3-96196065-1. – Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/1186401931/04 – Von diesem Buch erschien 2021 eine Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung.

5) Zu seiner Geschichte bis 2010 vgl.: Das Schicksal der DDR-Verlage : die Privatisierung und ihre Konsequenzen / Christoph Links. – 2., aktualisierte Aufl. – Berlin: Links, 2010. – 352 S. : Ill. ; 22 cm. – Zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 2008. – ISBN 978-3-86153-595-9 : EUR 24.90 [#1523]. – Hier: S. 251 – 258. – Rez.: IFB 10-4 https://ifb.bsz-bw.de/cgi-bin/result_ifb.pl?item=bsz32484669Xrez-1.pdf – Ferner für die gesamte Zeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufbau_Verlag [2022-04-23].